Die Altlast

Entstehung: Die Einwohner von Neuschloß, einem Ortsteil der südhessischen Stadt Lampertheim, leben in Angst und Sorge. Etwa ein Drittel von ihnen sind Eigentümer oder Mieter von 125 Grundstücken, deren Häuser und Gärten Ende der 50er Jahre und später auf dem Gelände einer 1927 stillgelegten chemischen Fabrik errichtet worden sind. Mehr als hundert Jahre lang wurden dort Soda, Säuren und Kunstdünger hergestellt.

(Historisches Bild aus dem Jahr 1926. Quelle: www.sanierung-neuschloss.de)

Es ist heute die größte bewohnte Altlast Hessens: Inzwischen ist klar, dass der Grund flächendeckend, oberflächennah und teilweise in große Tiefen reichend verunreinigt ist mit Arsen, Blei, Kupfer, Thallium, Quecksilber, Zink, Zinn sowie mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), mineralölbürtigen Kohlenwasserstoffen sowie mit Dioxinen und Furanen (PCDD/F). In der Wohnsiedlung müssen mehr als 200.000 Tonnen vergifteter Boden ausgetauscht werden. Die Arbeiten werden voraussichtlich acht Jahre lang dauern und etwa 65 Millionen Euro kosten. Zum überwiegenden Teil kommt das Geld vom Land Hessen – mit finanzieller Beteiligung der Stadt Lampertheim und einem begrenzten Eigenkostenbeitrag der Grundstückseigentümer.

Auch das Grundwasser ist verschmutzt – unter anderem mit sehr hohen Konzentrationen von Arsen. Neben den bewohnten Grundstücken sind ferner große Randgebiete der Siedlung betroffen – vor allem der so genannte Sodabuckel, wo die Produktionsreste der Fabrik landeten.

Erste Sicherung: Die Stadt Lampertheim, die einen großen Teil der betroffenen Grundstücke an die Bewohner verkauft hatte, versucht bis Anfang der 90er Jahre lange, die Gefahr zu beschwichtigen. Sie spricht stets von Einzelfällen, wenn an verschiedenen Stellen im Stadtteil Schadstoffe gefunden werden. Nach mehreren Untersuchungen, forciert auch vom Landkreis Bergstraße, kommt die Kommune nicht mehr umhin, einen Abenteuerspielplatz zu schließen, den sie in den 80er Jahren auf dem Sodabuckel eröffnete. Das Gelände wird eingezäunt. Schließlich muss die Stadt einräumen, dass große Teile von Neuschloß flächendeckend betroffen sind.

Auf den bewohnten Grundstücken wird, um Staubverwehungen zu vermeiden, sämtliche freiliegende Erde mit Rasen oder Rindenmulch abgedeckt. Die Behörden raten den Bürgern, keine Kleinkinder im Garten spielen zu lassen, nicht selbst angebautes Obst und Gemüse zu essen und Gartenabfälle getrennt zu sammeln. 1996 folgt ein Brunnennutzungsverbot wegen der Belastung des Grundwassers. Die Stadt muss auch den Ausweichspielplatz verlegen wegen erhöhter Dioxinwerte im Oberboden.

Die Sanierung beginnt im Juni 2002 mit der Säuberung des Grundwassers (siehe auch die Pressemitteilung des hessischen Umweltministeriums). Im April 2003 geht es richtig los mit der Sanierung der Bodenverunreinigungen auf dem Wohngebiet. Für Planung und Durchführung ist der Bereich Altlastensanierung der Hessischen Industriemüll GmbH (HIM-ASG) zuständig, der zunächst – fast zehn Jahre lang – historische Gutachten, umfangreiche Bodenbeprobungen, toxische und medizinische Untersuchungen sowie Analysen des Grundwassers veranlasste.

Inzwischen ist der Bodenaustausch auf dem Gebiet der früheren Nebenerwerbssiedlung aus den 50er Jahren (Ulmenweg, Buchenweg, Lindenweg, Wacholderweg) abgeschlossen. Fertig ist auch der Streifen zwischen Linden- und Erlenweg; teilweise läuft dort Sanierungabschnitt noch die Wiederherstellung der abgerissenen Nebengebäude und Gärten. Im Oktober 2009 haben die Arbeiten im vierten Abschnitt begonnen. Er umfasst die Grundstücke im Erlenweg und dem Alten Lorscher Weg. Insgesamt gibt es fünf Sanierungsabschnitte. Anfang 2011 sollen die Bagger wieder abrücken.

Sodabuckel: Schwung kommt auch in die Sanierung des Sodabuckels. Für ihn ist die Stadt Lampertheim zuständig. In der Kommunalpolitik hat sich langsam – wohl auch auf Grund des Drucks des Projektbeirats – die Überzeugung durchgesetzt, dass man nun die Sache angehen sollte. Inzwischen arbeitet die Stadtverwaltung an der Sanierungsplanung, und die Stadtverordneten haben entsprechende Mittel im kommunalen Haushalt dafür zur Verfügung gestellt. Auch ein Zeitplan liegt vor, wie der Sanierungsfachmann der Stadtverwaltung, Stephan Frech, berichtet: Nach seinen Angaben soll die Gesamtsicherung des Sodabuckels im Jahr 2012 beginnen. Zudem wird eine Dioxin-Aufschüttung hinter dem Buchenweg bereits im Jahr 2010 zeitgleich mit den angrenzenden Grundstücken entfernt.

Weitere Informationen bietet die offizielle Sanierungseite.